Der erste Eidgenosse in Japan

Historisch korrekt dürfte ich eigentlich nicht über einen „Eidgenossen“ schreiben. Der besagte Herr stammte aus der Waadt und wurde wohl gegen Ende des 16. Jahrhunderts in der Nähe von Lausanne geboren. Damals zählte die Waadt zum bernischen Herrschaftsgebiet und trat als eigenständiger Kanton dem eidgenössischen Bund erst 1803 bei. Aber für einen prägnanten Titel geht das schon in Ordnung. 🙂

Bereits im vergangenen Jahr habe ich über die ersten schweizerisch-japanischen Beziehungen einen Artikel verfasst.

Hier geht es nun nicht um irgendwelche formalen wirtschaftlich-politischen Zusammenhänge, sondern um eine ganz persönliche und darum natürlich auch subjektive Geschichte. Und trotzdem (oder gerade deswegen) ist der Erkenntniswert keineswegs zu verachten.

Japan im deutschen Sprachraum des 16. Jahrhunderts

Die erste Japankarte im deutschen Sprachgebiet überhaupt stammt aus dem Jahre 1586 und wurde vom Luzerner Stadtschreiber Renwart Cysat (1545 – 1614) erstellt. Die Karte ist Teil eines rund hundertseitigen Berichts über Japan, der den damaligen europäischen Kenntnisstand zu Land und Leute zusammenfasste.

Warum gerade Luzern? Das katholische Luzern war Sitz des ersten Jesuitenkollegs in der Schweiz und dessen erster Rektor hielt sich längere Zeit im portugiesischen Coimbra auf. Diese Stadt galt als Zentrum und Ausbildungsstätte der ostasiatischen Mission in Europa. Cysat benutzte demnach für seinen Bericht Quellen der Jesuiten.
Die Karte selbst ist sehr rudimentär gehalten. Offensichtlich kannte Cysat die bereits existierenden und genaueren portugiesischen Landkarten Japans nicht. Die Karte wurde also alleine aufgrund literarischer Quellen und Jesuiten-Berichten erstellt.

Japankarte von Renwart Cysat aus dem Jahre 1586

 

Elie Ripon – Der Söldner-Offizier in holländischen Diensten

1865 wurde im Dachstock eines Hauses in Bulle (Kanton Fribourg) ein Manuskript in französischer Sprache entdeckt. Dabei handelt es sich um die handgeschriebene Autobiographie eines Schweizers namens Elie Ripon, der seine Abenteuer als Söldner in Asien aufgezeichnet hatte.
Das Manuskript endet mit seiner Rückkehr aus Asien im Jahre 1627. Daraufhin verliert sich seine Spur, auch seine Lebensdaten sind unbekannt.

Das umfangreiche Schriftstück umfasst rund 370 Seiten und befasst sich mit einem Zeitraum von gut zehn Jahren (ca. 1617 – 1627) in denen Ripon so einiges erlebt hat: Die Schilderungen reichen von Reisen nach Mekka über Besuche in China, Kämpfe in Taiwan und Macao bis hin zum Abstecher nach Japan.

1617 betätigt sich Ripon als Walfänger vor Grönland. Bereits ein Jahr später verlässt er die unwirtliche Gegend des Nordatlantiks um sich in wärmere Gefilde aufzumachen.

Die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ (VOC)

Die Niederländische Ostindien-Kompanie war eine der diversen europäischen Handelsunternehmungen, welche sich im extrem lukrativen Indien- und Asien-Handel betätigten. Die „British East India Company“ war der Hauptkonkurrent der VOC, konnte diese allerdings nie übertreffen.
Weitere Länder wie z.B. Portugal, Frankreich, Schweden oder Dänemark besassen ebenfalls solche Unternehmungen. Alle diese Gesellschaften erhielten von den jeweiligen Monarchen umfangreiche Handelsprivilegien.
Solche Ostindien-Kompanien sind nur sehr bedingt mit „normalen“ Handelsunternehmungen vergleichbar. Um ihre jeweilige Handelspolitik durchzusetzen, kamen sowohl diplomatische wie auch militärische Mittel zum Einsatz.

Das asiatische Handelszentrum der VOC lag in Batavia (heute Jakarta) auf der Insel Java. Fast 200 Jahre lang beherrschte die Kompanie von hier aus den Handel im gesamten asiatischen Raum. Diesen Handelsplatz galt es zu schützen. So wurde Batavia auch zum Standort der grössten holländischen Garnison in Asien mit mehreren tausend Mann unter Waffen.

Hier kommt nun Elie Ripon ins Spiel.

Über seinen Werdegang bis zum Beginn seiner Aufzeichnungen ist nichts bekannt. Wir wissen also nicht, wann genau er geboren wurde, wer seine Eltern waren und was für einen Beruf er ausübte.
Was wir wissen: 1618 wurde er von der VOC als Söldner angeheuert und im November desselben Jahres erreicht er Batavia.

Seit dem 15. Jahrhundert waren Schweizer Söldner gefragte Spezialisten bei nahezu allen europäischen Herrschern. Es ist also anzunehmen, dass Ripon bereits über Erfahrung auf diesem Gebiet verfügte. Interessanterweise erwähnt er in seinen Memoiren noch drei weitere Schweizer, welche mit ihm zusammen in den Diensten der VOC standen. Sie stammten aus Basel, Zürich und Lausanne.

Damit hier keine falschen Vorstellungen aufkommen: Ripon war kein Händler… Seine Notizen lassen keinen Zweifel daran, was seine Aufgaben für die VOC waren.
Er war ein Spezialist fürs Grobe und heutzutage würde so jemand wohl als „Fachmann für asymmetrische Kriegsführung“ bezeichnet werden. Ripon bekleidete zuletzt den Rang eines Hauptmanns. Mit Stolz verwies er darauf, dass nur die Fähigsten überhaupt einen Offiziersrang in der VOC erlangen können.

Ripon und seine Männer gingen im Auftrag der Kompanie gnadenlos gegen deren zahlreiche Gegner und Konkurrenten vor, welche versuchten, den Holländern das Handelsmonopol streitig zu machen. Da ging es im gleichen Masse gegen die Engländer, Spanier und Portugiesen wie auch gegen Chinesen und Javaner.
Ripon sparte nicht mit drastischen und blutigen Details in Bezug auf das Vorgehen seiner Einheit. Das Repertoire beinhaltete Meuchelmorde, Plünderungen, Piraterie und Massaker.

Die Autobiographie offenbart einen sowohl rauhen wie lebensvollen Charakter, aber durchaus mit gewissen prahlerischen Zügen. Das sollte aber nicht verwundern, schliesslich überlebte er zehn lange Jahre im Asien des 17. Jahrhunderts!

Hauptmann Ripon macht aus seiner professionellen Haltung als Kriegsmann keinen Hehl: „J’aime mieux la guerre que la paix.“ (Ich liebe den Krieg mehr als den Frieden).

Ripon’s Aufenthalt in Japan und seine Eindrücke

Die VOC verfügte im gesamten asiatischen Raum und Persien über sogenannte Faktoreien (Niederlassungen). Seit 1609 auch in Japan und zwar auf der Insel Hirado vor Nagasaki. Die bekannte, eigens für den Überseehandel künstlich geschaffene Insel Dejima wurde erst 1634 konstruiert.

Im Sommer 1623 geht Ripon an Bord eines VOC-Schiffes, welche mit einer Frachtladung Richtung Japan unterwegs ist. Gemäss seinen Angaben hielt er sich rund einen Monat in Japan auf und besuchte dort zwei Städte: Languesaqui und Corsac. Unschwer zu erkennen, dass es sich dabei wohl um Nagasaki und Osaka handelte. Wie es scheint, wurde er Zeuge des zu dieser Zeit stattfindenden Wiederaufbaus der Burg Osaka: „Le palais du roi est magnifique, couvert la plus grande part de cuivre et plomb.“ (Der Palast des Königs ist grossartig und zum grössten Teil mit Kupfer und Blei bedeckt).

Seine Schilderungen zeichnen das Bild eines reichen, geordneten Landes in dem sich Handwerk und Metallverarbeitung auf einem äusserst hohen Stand befinden und Europa in nichts nachstehen würde. Sehr angetan ist der Berufsoffizier von den schönen Kanonen welche in grosser Anzahl vorhanden sind. Er erwähnt auch die reichhaltige und schmackhafte Küche und die alkoholischen Getränke (auch wenn er den „Wein“, sprich Sake, eher mässig gut fand).
Ganz der Söldner und Krieger lobt er auch die niedrigen Preise für die Dienstleistungen der Prostituierten!

Ripon’s Aufenthalt in Japan kann man wohl als eine Art „Fronturlaub“ und Erholung von seinem ansonsten blutigen und lebensgefährlichen Handwerk sehen.

Mit abstrakten oder akademischen Themen hielt sich Ripon nicht auf. Zur Religion der Japaner lässt er z.B. nur verlauten, dass es sich wohl um dieselbe handelt wie bei den Chinesen.

Was jedoch sein Interesse weckte und ihn zu ausführlichen Schilderungen bewegte, waren die Bewaffnung und Qualität der Kriegerklasse des Landes. Hier weiss er als Experte zu urteilen:

Diese Leute sind, wie wir, von mittlerer Grösse und extrem gute Soldaten, sehr geschickt im Umgang mit Waffen und treu. Ihre Bewaffnung besteht aus grosskalibrigen Arkebusen und Piken, deren Blatt länger als ein Fuss ist und mit denen gehauen wird (Anmerk.: damit meint er wohl die Naginata).
Sie haben Schwerter, so lang wie Schweizer Zweihänder, mit einer dicken schweren Klinge. Damit können sie mit einem einzigen Hieb einen Mann schräg durchhauen, als ob es ein fingerdickes Stück Holz ist, selbst ein Harnisch schützt den Mann nicht vor dem Tod.
Wenn sie im Kriege sind, haben sie gewöhnlich drei Schwerter oder Degen bei sich. Ein langes und eines, dessen Klinge zwei Fuss lang ist, sowie eines von einem Fuss Länge in der Art eines Dolches. Des grossen Schwertes bedienen sie sich auf offenem Feld oder in grossen Räumen, wobei sie es nach Schweizer Art, wild mit beiden Händen schwingen. Das mit der mittleren Klinge wird in engen Räumen benutzt, weil das grosse dafür zu lang ist. Des kleinen Dolches bedienen sie sich, wenn sie besiegt oder überrascht worden sind und keine Möglichkeit mehr haben, sich zu retten. Eher als sich gefangen nehmen zu lassen, stossen sie sich den Dolch in den Bauch.

Das wären die Beobachtungen des wohl ersten Schweizers in Japan. Wie schon kurz erwähnt, quittierte Hauptmann Ripon den Dienst bei der Niederländischen Ostindien-Kompanie im Jahre 1627 und kehrte in die Heimat zurück, wo er seine Memoiren niederschrieb.

(Quelle für die Memoiren des Elie Ripon: „Wie die Eidgenossen Japan entdeckten“ / Roger Mottini u. Thomas Immoos / erschienen im IUDICIUM Verlag, 2010)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.