Schweizerisch-Japanischer Freundschafts- und Handelsvertrag von 1864

Als Schweizer habe ich mich mal auf die Suche gemacht nach den ersten Spuren der schweizerisch-japanischen Beziehungen. Fündig wurde ich dabei im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern!
Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen dem Schweizerischen Bundesrathe und Seiner Majestät dem Taikun von Japan (vom 6. Februar 1864)

 

Wie man unschwer feststellen kann, fiel dieser Vertrag mitten in die Bakumatsu-Wirren. Allerdings war es ein weiter Weg für die Schweiz, bis der Vertrag im Februar 1864 schlussendlich zustande kam.

Als bekannt wurde, dass der amerikanische Commodore Perry erfolgreich verschiedene japanische Häfen „öffnen“ konnte mithilfe des de facto erzwungenen „U.S.- Japan Treaty of Peace and Amity“ vom 31. März 1854 (Vertrag von Kanagawa), wurde in der Schweiz zuerst die Uhrenindustrie im Kanton Neuenburg hellhörig. Denn neuen Absatzmärkten war man nie abgeneigt.

Im Jahre 1858 gelangte die Union Horlogère, eine Wirtschaftsvertretung von rund 50 Uhrenherstellern, an das eidgenössische Handels- und Zolldepartement und unterbreitete den Wunsch einer eigenen Asien-Expedition. Dieser Idee schlossen sich daraufhin auch Industrielle aus den Kantonen Glarus, Zürich, Waadt, Basel-Stadt und Genf an.
Als Leiter dieser Expedition wurde interessanterweise ein Preusse auserkoren, Dr. Rudolf August Leopold Lindau (1829 – 1910).
Im Spätsommer 1859 traf Lindau in Nagasaki ein. Er wurde umgehend darauf aufmerksam gemacht, dass Schweizer Kaufleute kein Aufenthaltsrecht in Japan geniessen konnten, solange kein Handelsvertrag zwischen den beiden Ländern besteht.
Offensichtlich sprach Lindau auch als diplomatischer Vertreter der schweizerischen Eidgenossenschaft in Japan vor und er erreichte, dass sich das Tokugawa-Shogunat gegen Jahresende mit der „Schweizer Frage“ beschäftigte.
Allerdings war schnell klar, dass dieses kleine Land mitten in Europa, welches über keinen direkten Meereszugang verfügte und auch keine geostrategischen Ziele verfolgte, für das Bakufu von minderer Bedeutung war. Ein Handelsvertrag wurde abgelehnt. Allerdings rang Lindau den japanischen Beamten die Zusage ab, wenn dereinst mit weiteren Ländern Handelsverträge unterzeichnet werden, auch die Schweiz zu berücksichtigen.

Als im Sommer 1860 mit Portugal und im Januar 1861 mit Preussen Handels- und Freundschaftsverträge abgeschlossen wurden, informierte das niederländische Generalkonsulat in Japan die Schweiz, dass Japan nun gewillt sei, auch mit diesem Land einen Vertrag zu schliessen.

Ende August 1861 wurde Ständerat Aimé Humbert (1819 – 1900) aus dem Kanton Neuchâtel vom Bundesrat zum schweizerischen Abgesandten für Japan ernannt. Humbert war für diese Aufgabe prädestiniert, war er doch der Präsident der Union Horlogère.  

Ständerat Aimé Humbert (1819 – 1900)

Im April 1863 landete die Schweizer Mission in Nagasaki und fuhr wenig später weiter nach Yokohama, wo sie Ende April eintraf. Die Delegation war sich bewusst, dass Japan mitten in einer eigentlichen Staatskrise steckte und auch die Feindseligkeiten waren offensichtlich.

Erst Anfang August befasste sich das Bakufu, bzw. die dafür zuständigen Beamten, mit dem Anliegen der Schweiz. Allerdings war das Ergebnis negativ. Mit Verweis auf die momentane politisch-militärische Lage wurde ein Vertragsabschluss abgelehnt. Humbert verbrachte also gut fünf erfolglose Monate in Japan und in Bern wurde bereits über die Abberufung der Mission diskutiert.
Während dieser Zeit kam es zu diversen militärischen Interventionen ausländischer Mächte:
– Als Vergeltung für einen Angriff von Chōshū-Kräften auf ein amerkanisches Handelsschiff bombardierte im Juli 1863 eine US-Fregatte in Shimonoseki Kriegsschiffe des Chōshū-Clans.
– Im August 1863 fanden mehrere militärische Aktionen der Franzosen und Briten sowohl gegen Chōshū als auch Satsuma statt. Dies jeweils als Reaktion auf Angriffe oder Attentate aus dem Umfeld der beiden Han.

Das Shogunat versuchte, den Hafen von Yokohama für den Handel zu sperren, um zumindest kurzfristig die beiden rebellischen Han zu besänftigen. Das wurde von den Amerikanern und den Niederländern natürlich umgehend abgelehnt. Das Shogunat wollte eine Delegation nach Europa entsenden um den Konflikt beizulegen. Interessanterweise liess der holländische Generalkonsul aber verlauten, er werde seiner Regierung empfehlen diese Delegation nicht zu empfangen, solange Japan nicht mit der Schweiz in Vertragsverhandlungen trete.

Sogleich wurden die Verhandlungen zwischen Japan und der Schweizer Mission aufgenommen und fanden ihren Abschluss in der Unterzeichnung des Freundschafts- und Handelsvertrages am 6. Februar 1864 in Edo.

Die Schweiz war der achte westliche Staat der in formelle diplomatische Beziehungen mit Japan trat nach den USA, Russland, Holland, Grossbritannien, Frankreich, Portugal und Preussen. Allerdings war die Schweiz das erste Binnenland welches einen Vertrag mit Japan abschloss.

Nach der Meiji-Restauration 1868 waren es hauptsächlich die schweizerische Uhren- und Textilindustrie sowie die feinmechanische und optische Industrie an welchen sich Japan orientierte um in diesen Bereichen aufzuholen.

Aimé Humbert war auch kulturell stark interessiert. Er unternahm viele Reisen durch das Land und so erstaunt es nicht, dass er 1870 seine Beobachtungen und Aufzeichnungen in zwei Bänden mit je ca. 400 Seiten veröffentlichte.

„Le Japon Illustré“. Humberts 1870 veröffentlichte Aufzeichnungen über Japan

 

Der vollständige Vertrag findet sich hier als pdf-Datei:  Freundschafts- und Handelsvertrag CH-JP

Trivia: Warum wurde der Vertrag eigentlich mit dem „Taikun von Japan“ abgeschlossen? Taikun (大君) ist eine Bezeichnung für „Shōgun“ welche allerdings hauptsächlich im Umgang mit fremden Mächten benutzt wurde. 
Im übrigen stammt das englische „Tycoon“ genau von diesem Begriff ab! 

 

Kronprinz Naruhito zu Besuch in Neuchâtel im Sommer 2014 anlässlich dem 150-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz. Dabei traf er auch Madame Loseron, die Urenkelin von Aimé Humbert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.