Harmoniesucht

In letzter Zeit, aufgrund verschiedener Vorkommnisse, stelle ich ein wiederkehrendes Phänomen in der Welt des Koryū-Bujutsu fest: Harmoniesucht.

 

Die Quintessenz der klassischen Schulen der Kriegskünste ist grundsätzlich der Wettstreit. Dies meint nicht ein simpler sportlicher Vergleich, sondern eine aktive und praktische Auseinandersetzung von Ryūha und ihren Lehrern und Schülern mit anderen Traditionen.

Hier und anderswo wurde schon viel dazu geschrieben, wie sich die traditionellen Schulen des Koryū-Bujutsu nach der Meiji-Restauration 1868 und noch in viel erheblicherem Ausmasse nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Pazifizierung Japans verändert haben. Zum Beispiel hier Zeitlos oder hier Einige Gedanken zum Gekiken

Solche Veränderungen von Schulen wurden in vielen Fällen bis zur völligen Unkenntlichkeit dieser vorangetrieben, was mich persönlich sehr schmerzt. Denn so fielen vielfältige Traditionen dem Gleichmachungswahn zum Opfer und viel ist unwiederbringlich verlorengegangen.

Es ist eine Tatsache, das die japanische Kultur sehr harmoniebezogen ist. Dies bedeutet allerdings nicht, dass in Japan der Wettstreit tabu ist! Ganz im Gegenteil: Wettstreit in all seinen Varianten ist eine Konstante in Japan und beginnt bereits im Kindergarten und zieht sich durch praktisch alle Lebensbereiche hindurch. Man könnte nun darüber streiten, wieviel „zu viel“ ist, aber das soll nicht das Thema hier sein. Jedoch ist es traurige Realität, dass es bei den Schulen des Koryū-Bujutsu eindeutig zu wenig ist!
Die vielbeschworene Harmonie in der japanischen Kultur betrifft also ganz andere gesellschaftliche Bereiche und steht sicher nicht im Gegensatz zu Wettstreit.

Mittlerweile scheint die heute einzig anerkannte „Auseinandersetzung“ mit anderen Schulen zu sein, wenn man irgendwo zusammen ein Enbu abhält. Eigentlich ein Armutszeugnis, oder?

Die praktische Anwendbarkeit der Schullehren in Shiai ist heutzutage im weitesten Sinne verpönt. Akzeptiert zu werden von anderen ist für viele Ryūha und deren Vertreter wesentlich wichtiger, als ihre eigenen Interessen zu berücksichtigen und durchzusetzen. Man könnte nun anführen, dass die verschiedenen Schulen heute so agieren müssen, um nicht völlig zu verschwinden. Das halte ich jedoch für ein Strohmann-Argument, ist doch schliesslich jede Tradition für ihr Überleben selbst verantwortlich.
Wenn nun aber so konsequent auf die Anwendbarkeit verzichtet wird, dann frage ich mich: wozu übt man sich jahrelang in solchen Kriegskünsten? Um seine Mitte zu finden? Um den Charakter zu vervollkommnen?

In früheren Zeiten ging es z.B. einem Schulgründer meist nicht darum zu gefallen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Er wollte mit seiner Schule erfolgreich sein und fähige Kenshi ausbilden. Oftmals eckten solche Personen schon damals an und wurden beispielsweise für ihre Lehrmethoden kritisiert oder aus politischen Gründen geschnitten. Diese Kritiker verstummten dann, wenn sich der Erfolg für besagte Schule einstellte.

Das hier mag ein äusserst kritischer Blick auf die Situation zu sein, in welcher sich gegenwärtig sehr viele Ryūha befinden. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es wichtig ist, diese Problematik anzusprechen auch wenn es den einen oder anderen schmerzen wird.
Die aktuelle Harmoniesucht, welche soviele Schulen heimgesucht hat, muss einem gesunden Konkurrenzdenken weichen, welches ganz selbstverständlich auch Taryū-jiai umfassen sollte. Auf diese Weise können Schulen zusammen wachsen und besser werden!

Meine Ansichten sind sicher teilweise beeinflusst von der Tatsache, dass ich Mitglied einer Tradition bin, welche bereits bei ihrer Entstehung im frühen 19. Jahrhundert progressive Schritte in der Schwertkunst tätigte und so schon damals Kritik auf sich zog. Im Laufe weniger Jahre und Jahrzehnte wurden die Kritiker allesamt Lügen gestraft.

 


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