Bakumatsu Portraits: Iwasaki Yatarō (1835 – 1885)

Iwasaki Yatarō (1835 – 1885)
 In diesem „Bakumatsu Portrait“ widme ich mich dem in Japan lange verfemten Kaufmannsstand, bzw. einem der grössten japanischen Geschäftsmänner des 19. Jahrhunderts, Iwasaki Yatarō, dem Gründer von Mitsubishi.

 

Shinōkōshō – Die vier Stände der Gesellschaft

Wie allgemein bekannt sein dürfte, war die soziale Ordnung in der Edo-Zeit (1603 – 1868) hauptsächlich geprägt durch das Vier-Stände-System, auf japanisch Shinōkōshō (士農工商) genannt. Wörtlich bezeichnet dies die vier Hauptstände in absteigender Reihenfolge: Schwertadel (shi), Bauernstand (nō), Handwerker (kō) und die Kaufleute (shō).
Diesem System nicht zugehörig war (darüberstehend) der kaiserliche Hofadel in Kyōto sowie buddhistische Mönche und Shintō-Priester und (darunterstehend) unterschiedliche Pariagruppen (Buraku).

Shinōkōshō (rot umrandet)

Natürlich geriet diese starre Ordnung durch die Edo-Zeit hindurch in Schieflage, denn den Bushi war wirtschaftliche Erwerbstätigkeit verboten und die Bauern, welche im Prinzip die zweithöchste Schicht bildeten, verarmten zusehends. Kaufleute allerdings verstanden es, vermögend zu werden, womit die Ständeordnung praktisch wortwörtlich auf den Kopf gestellt wurde. Dadurch wurde auch die soziale Mobilität innerhalb der Stände ca. ab Mitte des 18. Jahrhunderts gefördert, wobei z.B. reiche Bürger in mittellose Samuraifamilien adoptiert wurden oder aber Samurai aufgrund von hohen Schulden ihren Stand verkauften.

Das gesamte System litt unter etlichen Widersprüchen und die Tokugawa-Regierung erliess diverse gesetzliche Verordnungen, um den Bushi-Stand vor den übrigen Ständen zu „schützen“. Interessanterweise zogen ausgerechnet die städtischen Bürger den grössten Vorteil aus dieser speziellen Wirtschaftsordnung.

Händler und Kaufleute hatten in der japanischen Geschichte jedoch nicht immer diese formal niedere Stellung inne.
Der Daimyō Toyotomi Hideyoshi brachte gegen Ende des 16. Jahrhunderts Japan unter seine Herrschaft. Dieser Herrschaft fielen auch die städtischen Selbstverwaltungsrechte zum Opfer, welche diverse Hafenstädte genossen und die so zu erheblichem Reichtum gelangten (z.B. Sakai und Osaka). Diese Städte wurden zivil durch die Bürger regiert ohne Einfluss militärischer Herrscher. Tokugawa Ieyasu führte die Politik seines Vorgängers fort und versuchte die Gesellschaft in ein enges, konfuzianisch geprägtes Gefüge zu pressen und so die Strukturen unbeweglich zu machen. Allerdings unterschätzte das Bakufu die Anpassungsfähigkeit des Kaufmannsgewerbes massiv.

 

Iwasaki Yatarō (1835 – 1885)

Im Januar 1835 kam Yatarō im Dorf Inokuchi (Bezirk Aki) in der Provinz Tosa zur Welt. Die Familie waren Bauern, ursprünglich aber Bushi. Yatarō’s Urgrossvater verkaufte seinen Samurai-Stand aufgrund hoher Schulden.

Yatarō begann, in der Verwaltung des Tosa-han zu arbeiten und folgte im Alter von neunzehn Jahren einem Beamten nach Edo, um seine Ausbildung voranzutreiben. Bereits im folgenden Jahr kehrte er, allerdings unfreiwillig, nach Tosa zurück: Sein Vater wurde bei einem Disput mit einem Dorfvorsteher schwer verletzt. Als der lokale Magistrat bzw. Richter den Fall nicht annehmen wollte, beschuldigte Yatarō diesen öffentlich der Korruption. Dafür sass Yatarō sieben Monate im Gefängnis und war danach für eine gewisse Zeit ohne Arbeit bevor er eine Anstellung als Lehrer fand. Im Gefängnis lernte er von Mithäftlingen aus dem Kaufmannsstand Grundkenntnisse in Mathematik und Handelsrecht.

Yatarō wurde Schüler des Reformers Yoshida Tōyō aus Tosa. Yoshida erhielt 1853 vom Tosa-Daimyō Yamanouchi Toyoshige den Auftrag, das Han zu modernisieren und zu reformieren. Durch Yoshida kam Yatarō zum ersten Mal mit Ideen wie Öffnung und Entwicklung des Landes, internationalem Handel und Industrialisierung in Berührung. Themen, welche ihn sein weiteres Leben begleiten sollten.
Yoshida fiel 1862 einem Attentat zum Opfer, welches von drei Mitgliedern der Tosa Kinnōtō ausgeführt wurde. Diese Gruppierung gehörte zur Sonnō-Jōi Bewegung („Verehrt den Kaiser, vertreibt die Barbaren“), welche sich gegen jede Annäherung an den Westen wandte. Mit der Zeit wurde Sonnō-Jōi zum Schlagwort für die Zerschlagung des Tokugawa-Bakufu und deren Unterstützer.

Durch die Verbindung mit Yoshida gelang es Yatarō auch, eine offizielle Stellung in der Tosa-Verwaltung zu erlangen und durch Sparsamkeit konnte er einige Jahre später auch den Samurai-Status seiner Familie zurückkaufen.
Das Tosa-Han hatte weitreichende wirtschaftliche Verbindungen und führte diverse Handelshäuser in japanischen Häfen. Eines dieser Handelshäuser lag in Nagasaki, der wohl „internationalsten“ Stadt Japans zu dieser Zeit. Yatarō wurde zum Leiter dieses Handelshauses berufen und exportierte hauptsächlich Kampferöl und Papier um im Gegenzug moderne westliche Schiffe, Waffen und Munition für das Tosa-Han zu erwerben.

Als 1868 die Meiji-Restauration ausgerufen und somit die alte Feudalordnung des Bakufu abgelöst wurde, begann auch für Yatarō ein neues Zeitalter. Da die alten Provinzen und deren Regierungen nach und nach aufgelöst wurden und im Zentralstaat als Verwaltungspräfekturen aufgingen, wurden auch die Karten im wirtschaftlichen Umfeld komplett neu gemischt.

Iwasaki zusammen mit dem schottischen Handelsmann Thomas Blake Glover (1838 – 1911)

Die meisten Handelsniederlassungen der einzelnen Han wurden nun privatisiert, da die Zentralregierung den Clans verbot, eigene Geschäfte zu tätigen. Auch verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum Japans rasch nach Osaka.
Die Tosa-Handelsniederlassung in Nagasaki wurde 1870 zur privatisierten „Tsukumo Shōkai“ (engl. Tsukumo Trading Company) mit Sitz in Osaka und geführt von Iwasaki Yatarō. Dieser übernahm einige der Schulden der alten Tosa-Regierung und sicherte sich als Kompensation Schiffe und Handelsrechte. Damit war der Grundstein gelegt für die Zukunft.

 

Die Gründung von Mitsubishi

1873 wurde Yatarō formal zum Präsidenten und Vorsitzenden der Firma und änderte den Namen nun in Mitsubishi Shōkai. Im folgenden Jahr wurde der Sitz der Firma nach Tōkyō verlegt.

Das Geschäftsfeld von Mitsubishi war zu Beginn hauptsächlich Transport und Logistik. Aber bald schon eröffnete sich Yatarō weitere Möglichkeiten. Unter anderem mietete er die grosse Nagasaki-Werft der Regierung und stieg somit in den Schiffsbau ein. Auch Staatsaufträge wie z.B. Truppenverlegungen 1874 nach Taiwan oder Transport von Post und Nachschub gehörten bald schon zu Mitsubishi’s wichtigen Tätigkeiten. Auch wurde schon früh in den Bergbau investiert.

Yatarō stand immer treu zur Meiji-Regierung und ihren Zielen und so verwundert es auch nicht, dass Mitsubishi bei der Satsuma-Rebellion 1877 für die Zentralregierung Truppenverlegungen nach Kyūshū organisierte und mit 38 Schiffen den Nachschub sicherten. Nach der erfolgreichen Niederschlagung der Rebellion im Süden des Landes wurden Mitsubishi’s Dienst grosszügig vergütet. Unter anderem wurden günstige Kredite gesprochen mit denen Mitsubishi weitere moderne Dampfschiffe finanzieren konnte. Zu einem gewissen Zeitpunkt in den frühen 1880er-Jahren besass Mitsubishi rund 75% aller in Japan im Dienst befindlichen Dampfschiffe.

Mitsubishi machte auch grosse Profite aus der Währungssituation während den ersten Jahren der Meiji-Restauration. In Japan besass in der Edo-Zeit praktisch jede Provinz ihre eigene Währung. Es gab keinen Standard und die Umrechnung der dutzenden von Währungen war offenbar eine ziemlich chaotische Angelegenheit.
Die neue Regierung war bestrebt, möglichst rasch eine einheitliche Währung zu schaffen, welche sich am damaligen internationalen „Gold Standard“ orientierte.
Bevor der „New Currency Act“ 1871 beschlossen wurde, hatte Yatarō durch seine weitreichenden Verbindungen in Regierungskreise bereits davon erfahren. Dies ermöglichte es ihm, sich grosse Summen der unterschiedlichen lokalen Währungen zu sichern um diese dann kurze Zeit später für die neue offizielle Standard-Währung des Yen einzuwechseln…
Gemäss heutigen Gepflogenheiten im Finanzwesen war das wohl ein klassischer Fall von Insiderhandel.

Im Februar 1885 verstarb Iwasaki Yatarō, einen Monat nach seinem 50. Geburtstag, an den Folgen von  Magenkrebs, vermutlich hervorgerufen durch seinen bekannten, exzessiven Alkoholkonsum.

 

Die drei Diamanten

Mitsubishi-Emblem

Das weltbekannte Firmenlogo von Mitsubishi, welches 1873 eingeführt wurde, stellt eine Verschmelzung zweier alter Familienwappen (Kamon) dar.

Yamanouchi-Kamon

Zuerst wäre da das Wappen der Yamanouchi-Daimyō, welche Tosa durch die gesamte Edo-Periode hindurch regierten. Ihnen verdankte Yatarō auch seine erste Anstellung und dadurch seinen späteren Aufstieg.

 

 

 

Iwasaki-Kamon

Das zweite Wappen ist das der Iwasaki-Familie.

 

 

 

Mitsubishi als ein Zaibatsu

Aufgrund seiner Struktur zählte Mitsubishi zu den sogenannten „Zaibatsu“. Dies waren grosse Firmenkonglomerate in privatem Familienbesitz, welche sich hauptsächlich ab 1868 mit der Industrialisierung Japans formten. Zwei der grossen vier Zaibatsu hatten ihre Wurzeln noch in der Edo-Zeit und waren die beiden Händlerfamilien Sumitomo und Mitsui.

Per Definition bestand ein Zaibatsu immer aus einer familiengeführten Holding-Firma an der Spitze. Unter diesem Dach befand sich jeweils eine eigene Bank welche die Finanzmittel für die übrigen industriellen Geschäftssparten zur Verfügung stellte. Diese weiteren Geschäftssparten dominierten meist den jeweiligen Sektor.

Die vier grossen Zaibatsu waren Sumitomo, Mitsui, Mitsubishi und Yasuda und sie beherrschten in den 1930er-Jahren über 30% der Bergbau-, Schwer- und Chemie-Industrie sowie gut 50% der Maschinenindustrie Japans.
Auch die militärischen Verflechtungen waren bemerkenswert und offensichtlich klar getrennt. So besass z.B. Mitsui engste Verbindungen zur Kaiserlich-Japanischen Armee wohingegen Mitsubishi mit der Kaiserlich-Japanischen Marine enge Beziehungen pflegte.

Nach der Niederlage Japans im 2. Weltkrieg sollten die Zaibatsu von der Besatzungsmacht USA zerschlagen werden. Allerdings wurden sie nie komplett aufgelöst, da sie für den Wiederaufbau benötigt wurden.

 

Die spätere Iwasaki-Dynastie

Der Einfluss der Iwasaki-Familie im Mitsubishi-Konzern sollte noch bis Ende 1945 dauern.

Auf Iwasaki Yatarō folgte nach dessem frühen Tod im Jahre 1885 sein jüngerer Bruder Iwasaki Yanosuke (1851 – 1908) als zweiter Präsident von Mitsubishi.

Iwasaki Yanosuke (1851 – 1908)

Yanosuke trieb die Diversifizierung des Konzerns voran und fokussierte sich stark auf Bergbau- und Rohstoffabbau-Operationen sowie auf den Schiffsbau. Yanosuke erwarb 1890 ein grosses Feld gegenüber dem kaiserlichen Palast in Tōkyō. Zwei Jahre später begannen die Bauarbeiten an der ersten modernen Geschäftsstrasse Japans. Das Areal wurde bekannt als „Marunouchi“ und ist auch heute noch das wohl wichtigste Geschäftsviertel. Auch heutzutage ist noch ein Grossteil des Gebietes im Besitz von „Mitsubishi Estate Ltd.“.
1896 wurde er zum Gouverneur der japanischen Zentralbank (Bank of Japan) berufen.

1893 trat Yanosuke als Präsident von Mitsubishi zurück um Platz zu machen für seinen Neffen Iwasaki Hisaya (1865 – 1955). Hisaya war der Sohn des Firmengründers Iwasaki Yatarō.

Iwasaki Hisaya (1865 – 1955)

Nach dem Tod seines Vaters reiste der 20-jährige Hisaya in die USA und studierte dort fünf Jahre. Nach seiner Rückkehr wurde er Vize-Präsident von Mitsubishi um zwei Jahre später dann das Präsidentenamt von seinem Onkel zu übernehmen. Hisaya stand der Firma über 22 Jahre vor. Mit ihm wagte Mitsubishi auch den Schritt in ganz neue Geschäftsfelder wie z.B. der chemischen Produktion.
1916 trat Hisaya als Präsident zurück und widmete sich danach seinen verschiedenen Rinderfarmen. Als die Zaibatsu nach dem 2. Weltkrieg zerschlagen wurden, verlor Hisaya praktisch seinen gesamten privaten Besitz und lebte zurückgezogen auf einem kleinen Bauernhof bis er im Alter von 90 Jahren verstarb.

Iwasaki Koyata (1879 – 1945)

1916 übernahm Iwasaki Koyata als vierter Präsident aus der Iwasaki-Familie die Geschäfte des Konzerns. Er war der älteste Sohn von Iwasaki Yanosuke, dem zweiten Präsidenten. Koyata übernahm die Verantwortung während der Zeit des 1. Weltkrieges und war 29 Jahre lang Präsident von Mitsubishi.
Koyata erkannte, dass es von Vorteil sein kann, wenn Mitsubishi und seine unterschiedlichen Geschäftseinheiten als Aktiengesellschaften an die Börse gehen würden. 1937 waren rund die Hälfte der Aktien in Händen von Investoren und wurden nicht mehr von der Iwasaki-Familie oder Tochter-Unternehmen gehalten.

Die US-Besatzung schloss die Mitsubishi-Zentrale 1946, das Konglomerat wurde aufgelöst und die einzelnen Geschäftsbereiche mussten ohne Unterstützung einer Holding-Gesellschaft unabhängig geführt werden. Erst ab 1952 kam es wieder zu Zusammenschlüssen unabhängiger Mitsubishi-Konzernen bzw. zu gegenseitigen Investitionen.

Während der Besatzung verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Koyata rapide und er verstarb im Dezember 1945 im Alter von 66 Jahren.
Er hinterliess ein kurzes Gedicht, welches ich versuche hier auf Deutsch wiederzugeben (ohne Rücksicht auf das Versmass):

Der Herbst, eine Zeit grosser Zerstreuung
Eine kränkliche Gans, bewegungslos
Liegt still auf gefrornem Grund

 

 

 

 

 


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