Bakumatsu Portraits: Sakakibara Kenkichi (1830 – 1894)

Sakakibara Kenkichi (1830 – 1894)
Dieses Portrait steht ganz im Zeichen der Schwertkampfkunst während der Bakumatsu-Zeit und der beginnenden Meiji-Periode.

Der Sakakibara-Clan ist ein Geschlecht welches aus der Seiwa-Genji-Linie der Minamoto stammte. Bereits in der Sengoku-Periode und dann in der darauffolgenden Edo-Periode galten die Sakakibara stets als äusserst loyale Gefolgsleute der Tokugawa und zählten zu den sogenannten Fudai-Daimyō.

Sakakibara Yasumasa (1548 – 1606) war einer der Tokugawa-Shitennō, den vier fähigsten Generäle des Tokugawa-Hauses. Die anderen drei waren Honda Tadakatsu, Ii Naomasa und Sakai Tadatsugu.
Das Lehen der Sakakibara-Daimyō wurde durch das Bakufu im Laufe der Jahrhunderte mehrmals verlegt und befand sich in den Provinzen Kozuke, Mutsu, Harima und Echigo.

Sakakibara Kenkichi (榊原 鍵吉) wurde im Dezember 1830 geboren, vermutlich im Azabu-Distrikt von Edo.
Sein Vater Masutaro war bereits Mitglied eines Kenjutsu-Dōjō. Dabei handelte es sich um das Dōjō von Inoue Denbei, einem Lehrer der Fujikawa-ha Jikishinkage-Ryū. Da dieses Dōjō allerdings um das Jahr 1843 geschlossen wurde, trat Kenkichi dem berühmten Odani-Dōjō bei. Im selben Jahr verstarb seine Mutter.

Odani Nobutomo (1789 – 1864) war das 13. Oberhaupt der Kashima Shinden Jikishinkage-Ryū und galt als einer der herausragenden Fechter seiner Zeit.
In Kenkichi fand er einen aufgeweckten Schüler und dieser machte offensichtlich gute Fortschritte. Obschon Kenkichi’s Vater wohl aus einem verarmten Zweig der Sakakibara-Familie stammte und die erhaltenen Lizenzen seines Sohnes nicht bezahlen konnte, erhielt Kenkichi 1849 von seinem Lehrer Odani das Menkyo-Kaiden und somit die vollständige Lehre der Schule. Zu diesem Zeitpunkt war er 20 Jahre alt.

Über die folgenden paar Lebenjahre von Kenkichi ist nicht viel bekannt. Auch nicht, wie seine formelle Bildung ausgesehen hat.

1856 folgte er seinem Lehrer Odani an das neugegründete Kōbusho, die Tokugawa-Militärakademie. Odani selbst wurde zum Leiter der Akademie berufen, da die Idee für solch ein Institut von Odani selbst stammte. Sakakibara war dort als Kenjutsu-Instruktor, bis zur Schliessung der Lehranstalt 1866, tätig.
Das Kōbusho als Trainings- und Lehranstalt war im Grossen und Ganzen eher ein Misserfolg. Allein die Marine-Abteilung, wo moderne, westliche Navigation und Seetaktik gelehrt wurde, erlangte gewisses Ansehen und gilt als früher Vorläufer der späteren kaiserlichen Kriegsmarine.

Nach dem Tod von Odani 1864 wurde Sakakibara der 14. Sōke der Kashima Shinden Jikishinkage-Ryū.

Während der Zeit am Kōbusho fiel er dem jungen Shōgun Tokugawa Iemochi auf, der ihn alsbald zum persönlichen Leibwächter und Fechtlehrer machte.
Damit seine Pflichten für den Shōgun nicht litten, setzte er seinen Schüler Matsuoka Katsunosuke als temporären Leiter der Jikishinkage-Ryū ein. Matsuoka ist übrigens der Begründer des Shindō Yōshin-Ryū Jūjutsu.

Tokugawa Iemochi (1846 – 1866), 14. und vorletzter Shōgun

Offensichtlich war die Beziehung zwischen dem Shōgun und Kenkichi sehr innig. Als Iemochi im Sommer 1866 unerwartet im Alter von erst 21 Jahren verstarb, war Kenkichi am Boden zerstört. Daraufhin legte er seine Ämter nieder und gründete ein Dōjō im heutigen Ueno-Distrikt von Tōkyō.
Interessanterweise eröffnete 1868 auch Matsuoka in der Ueno-Nachbarschaft ein eigenes Dōjō seiner Shindō Yōshin-Ryū, welche er 1864 gründete.

Obwohl Sakakibara engste Verbindungen zum Bakufu pflegte, nahm er nicht aktiv an den Kämpfen im Boshin-Krieg teil (Januar 1868 – Juni 1869). Er sah es als seine Pflicht an, den Kan’ei-ji Tempel in Ueno zu bewachen, einen der beiden Familientempel der Tokugawa und Grabstätte von sechs Shōgunen.

Nach der Meiji-Restauration offerierte die neue Regierung Sakakibara eine Anstellung beim Keishichō (Tokyo Metropolitan Police Department), welche er allerdings aufgrund seiner Loyalität gegenüber Iemochi ablehnte.


Die Erfindung des Gekken (Gekiken) Kōgyō

Wie allgemein bekannt sein dürfte, erlitten die klassischen Kampfkünste in den ersten Jahrzehnten nach der Meiji-Restauration im Jahre 1868 einen erheblichen Prestigeverlust. Davon waren natürlich auch die entsprechenden Lehrer betroffen. Einigen wurden zwar Lehrpositionen bei Polizei und Armee übertragen, aber dort lag der Fokus auf der Ausarbeitung einheitlicher Lehrpläne was dann schlussendlich auch zur Entwicklung des modernen Kendō führte.

Aber die verschiedenen Ryūha mit ihren individuellen Curricula galten als altmodisches und unbrauchbares Relikt. Sakakibara machte sich grosse Sorgen, dass die allermeisten Ryūha nicht überleben würden und ihm kam die Idee, öffentliche Veranstaltungen abzuhalten um der Bevölkerung diese Schulen wieder näher zu bringen.
Auch wenn der Vorwurf im Raum steht, dass es Sakakibara hauptsächlich darum ging neue Geldquellen zu erschliessen, kann man davon ausgehen, dass es ihm sehr wohl um die Sache an sich ging.

Farbholzschnitt von Utagawa Kuniteru II „Gekken Kōgyō“ um 1873

Als Modell wählte er eine Veranstaltungsform, welche dem Publikum bereits vertraut war: Sūmo.
Auch bei den Gekken Kōgyō wurden die Teilnehmer (bzw. Kämpfer) in Ost- und Westgruppen eingeteilt, es gab einen definierten Kampfring der durch vier Säulen begrenzt war und ein Ansager rief die Namen der Kämpfer auf und startete auch die Kämpfe.

In dem Farbholzschnitt oben ist Sakakibara Kenkichi zu sehen (rechts sitzend), wie er einen Kampf während dem ersten von ihm organisierte Gekken Kōgyō im April 1873 beobachtet. Dieses Gekken Kōgyō fand in Tōkyō (Asakusa) statt, dauerte zehn Tage und war ein durchschlagender Erfolg.
Der gewöhnliche Bürger hatte bis dahin kaum je die Gelegenheit, echtes Bujutsu zu sehen. Auch waren viele der Teilnehmer berühmte Schwertkämpfer ihrer Zeit, was mit Sicherheit zur Begeisterung beitrug.
Zudem waren die Kämpfe nicht auf das Schwert (Shinai) beschränkt. Auch Kämpfer mit Naginata oder Kusarigama traten gegeneinander an, was die Attraktivität sicher auch noch steigerte.
Dieser Farbholzschnitt wurde speziell in Auftrag gegeben um diese Veranstaltungen weiter bekannt zu machen.

Diese „Events“ wurden in den folgenden Jahren an rund 37 Standorten in und um Tōkyō abgehalten. Auch in anderen Städten wie Nagoya und Osaka fanden Gekken Kōgyō statt.

An dieser Stelle muss ich einfügen, dass diese „Shows“ trotz dem gleichlautenden Namen eigentlich nichts mit dem Gekiken zu tun hatten, welches zum Curriculum so mancher Ryūha gehörte bzw. noch gehört.
Über schulspezifisches Gekiken habe ich hier geschrieben: Einige Gedanken zu Gekiken

Da diese Gekken Kōgyō sich rasch grosser Beliebtheit erfreuten, wurde in den folgenden Jahren versucht, sie entsprechend „weiterzuentwickeln“, so wurden zum Beispiel Choreographien eingebaut, akrobatische Einlagen geboten oder einzelne Kämpfe wurden in regelrechte Geschichten eingebettet. Damit einhergehend nahm auch die Qualität der Teilnehmer erheblich ab. Dies wurde vom Publikum dann nicht mehr goutiert und nach dem anfänglichen Erfolg gerieten diese Veranstaltungen um 1880 in Vergessenheit.

In späteren Jahren bedauerte es Sakakibara selbst, seine Idee überhaupt je umgesetzt zu haben. Mit der weiteren Entwicklung war er keineswegs mehr einverstanden gewesen. Seine Intention war tatsächlich eine ganz andere: Guten Schwertkämpfern in einer sich rasch verändernden Welt eine Plattform zu bieten, ihr Können unter Beweis zu stellen und so im besten Fall sogar neue Schüler zu akquirieren. Das dabei auch Einnahmen generiert wurden, sollte man ihm sicher nicht ankreiden.


Die späteren Jahre

Nachdem sich die Gekken Kōgyō-Veranstaltungen nicht als nachhaltig erwiesen hatten, versuchte sich Sakakibara in der Umbruchsphase der Meiji-Zeit an verschiedenen Unterfangen, allerdings meist erfolglos. So gründete er ein kleines Theater für traditionelles Geschichtenerzählen (Kōdan) und versuchte sich als Wirt eines Izakaya. Beide Vorhaben beendete er nach kurzer Zeit wieder.
Er war allerdings ein gern gesehener Gast und Redner bei sogenannten Enyūkai, Gartenparties welche von Kaiser Meiji eingeführt und gesponsert wurden und wo sich bekannte und einflussreiche Personen aus Politik, Wissenschaft und Kultur zum Gedankenaustausch trafen. Oftmals nahmen daran auch Ausländer teil, wie z.B. in späteren Jahren u.a. auch Albert Einstein. Solche Enyūkai finden auch heute noch im Beisein des Kaisers statt.

Sakakibara unterrichtete weiter in seinem Dōjō in Ueno und auch der bekannte Hokushin Ittō-Ryū Fechter Naitō Takaharu trainierte um 1883 ca. ein Jahr unter Sakakibara.

Selbst Ausländer wie Heinrich von Siebold (1852 – 1908), der Arzt Erwin Bälz (1849 – 1913), der britische Konsulatsbeamte Thomas McClatchie (1852 – 1886) oder die beiden französischen Militärinstruktoren Villaret und Kiele besuchten das Dōjō und nahmen Unterricht.
Hierbei ist allerdings nicht ganz klar, bis zu welchem Grad diese Männer Unterricht genossen. Alle waren bereits ausgebildete Fechter bzw. Fechtmeister im westlichen Fechten und womöglich war es insbesondere „professionelle “ Neugier welche sie zu Sakakibara brachte. Zudem dürfte sich auch Sakakibara selbst über diese Art von Publicity gefreut haben, welche bekannte Ausländer zweifellos darstellten.

Am Neujahrstag 1894 übertrug er seine Schule, die Kashima Shinden Jikishinkage-Ryū, an seinen Schüler Yamada Jirōkichi (1863 – 1930).
Im September desselben Jahres verstarb Sakakibara aufgrund Herzversagens im Alter von 63 Jahren. Er wurde in dem kleinen Tempel Saio-ji (西応寺) im Yotsuya-Distrikt von Tōkyō beigesetzt. Der Tempel befindet sich in einer unscheinbaren Seitenstrasse ca. 1 km Fussmarsch von der JR-Station „Shinanomachi“ entfernt. Ein Hinweistafel am Eingang des Tempels weist auf das Grab des berühmten Schwertkämpfers hin.

Sakakibara Kenkichi war ein Mann der am Scheideweg der Schwertkampfkunst in Japan stand und versuchte, diese in die Neuzeit zu retten. Man kann davon ausgehen, das sich ohne seine Bemühungen dieser Teil des Kulturerbes heute wohl kaum noch in dieser Vielfalt darstellen würde.


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