Das japanische Kaisertum und der Gebrauch von Gengō

In rund 15 Monaten (Ende 2018)* wird die Welt Zeuge eines aussergewöhnlichen historischen Ereignisses in Japan. Dann wird nämlich Kaiser Akihito abdanken und einige Tage später Kronprinz Naruhito inthronisiert.

Das beachtenswerte Ereignis dabei ist natürlich die Abdankung Akihitos. Denn diese Möglichkeit war bis vor wenigen Monaten im Gesetz nicht vorgesehen.
Anfang Juni diesen Jahres hat das japanische Parlament ein Ad-hoc-Gesetz beschlossen, welches dem derzeitigen 125. Kaiser eine Abdankung während seiner Lebenszeit ermöglicht.

Abdankungen aus politischen Gründen oder um einem erwünschten Nachfolger Platz zu machen waren bis zur Meiji-Restauration 1868 gang und gäbe. Allerdings war ein Thronwechsel bei vorzeitigem Tod immer noch die Norm.
Die letzte Abdankung eines Kaisers war die des 119. Kaisers Kōkaku im Jahre 1817.

Die Meiji-Verfassung von 1889 wurde hauptsächlich nach preussischem und britischem Vorbild geformt. Dazu zählte unter anderem auch die ausschliesslich männliche Erbfolge des Kaisergeschlechts (davor gab es in der japanischen Geschichte auch einige Kaiserinnen).
Und die Nachkriegsverfassung und das „Gesetz über den kaiserlichen Haushalt“ von 1947 regelten die Erbfolge noch strikter. So wurden nun auch Söhne von Konkubinen von der Erbfolge ausgeschlossen, etwas das bis dahin ebenfalls Usus war.

All das kennt man so oder in ähnlicher Form auch von anderen grossen Herrscherhäusern. Was nun das japanische Kaiserhaus in dieser Beziehung einzigartig macht, ist die Tatsache, dass auch die Zeitrechnung eine Änderung erfährt bei einem Thronwechsel.

 

Gengō (元号) bzw. Nengō (年号): Die Regierungsdevisen

Das offizielle und nach wie vor gültige Kalender- und Datumssystem Japans ist seit ca. dem 7. Jahrhundert in Gebrauch. Dabei werden die Jahre in Ären gezählt. Kaiser Akihito bestieg den Thron gemäss westlichem Kalender am 8. Januar 1989 womit die Zeitrechnung in Japan neu „Heisei 1“ lautete. 2017 ist somit „Heisei 29“.

Obuchi Keizo, der damalige Chefkabinettssekretär der Regierung Takeshita, 1989 bei der offiziellen Bekanntgabe der Ära „Heisei“

Der gregorianische Kalender wurde zwar am 1. Januar 1873 in Japan eingeführt, aber Nengō sind nach wie vor die offizielle Zählweise nach denen Jahre gezählt werden und dies gilt sowohl für alle staatlichen Stellen wie auch ganz allgemein für den geschäftlichen und privaten Umgang.

Im vormodernen Japan war der Wechsel von Ära-Namen ein relativ häufiges Ereignis. Denn nicht nur zur Thronbesteigung eines neuen Kaisers wurde eine neue Regierungsdevise gewählt, sondern auch bei aussergewöhnlichen Ereignissen wie z.B. Naturkatastrophen, politischen Vorkommnissen oder sonstigen einschneidenden Begebenheiten. Somit war es durchaus üblich, dass während der Regentschaft eines Kaisers mehrere aufeinanderfolgende Ära-Devisen ausgegeben wurden.

Ein Beispiel: Während der Regentschaft von Kaiser Kōmei, welche von 1846 – 1867 dauerte, gab es nicht weniger als sieben Nengō!

Gemäss dem aktuellen System, welches 1889 eingeführt wurde, wird ein Nengō ausschliesslich bei der Thronbesteigung des neuen Kaisers vergeben. Folglich gibt es seit der Regierung von Kaiser Meiji nur eine Regierungsdevise pro Kaiserregentschaft.

Auch wenn die Meiji-Restauration gemeinhin dadurch gekennzeichnet ist, die „Verwestlichung“ Japans vorangetrieben zu haben, war bei der neuen Nengō-Gesetzgebung („ein Nengō pro Regentschaft“) die damals noch bestehende Qing-Dynastie Chinas Vorbild. Auch andere Praktiken und Systeme wurden während dieser Zeit gemäss dem Qing-Modell übernommen.
Ein, wie ich finde, spannendes Detail der Meiji-Restauration!

1909 gab es einige Modifikationen an der Ausgestaltung des Gesetzes zur Ausgabe von Regierungsdevisen. Es wurde z.B. festgelegt, dass der neue Ära-Name unmittelbar nach dem Tod des Kaisers geändert werden musste. Zudem wurde verfügt, dass der neue Kaiser selbst die neue Regierungsdevise wählt und diese persönlich in einem kaiserlichen Reskript verkündet.

Nach der Niederlage Japans im 2. Weltkrieg und der darauffolgenden US-Besatzung des Landes wurde das bestehende Kaiserhaus-Gesetz kassiert und wie bereits erwähnt 1947 durch das „Gesetz über den kaiserlichen Haushalt“ ersetzt. Interessanterweise gab es in der ersten Fassung des Gesetzes keinerlei Hinweis auf den Gebrauch von Ära-Namen.

Damals schon wurden Stimmen laut, die Monarchie abzuschaffen selbst wenn sie nur noch repräsentativen Pflichten diente gemäss der Nachkriegsverfassung. Auch stand lange die Forderung im Raum das Nengō-System aufzugeben und ausschliesslich den gregorianischen Kalender zu verwenden.
Dies gipfelte dann im Januar 1977 darin, dass die Sozialistische Partei Japans (wer sonst!) einen Gesetzesentwurf vorbereitete, um das Nengō-System radikal zu tilgen.
Die regierenden Liberaldemokraten leiteten Gegenmassnahmen ein, welche dann im Juni 1979 Früchte trugen als das neue Gesetz zum Gebrauch von Regierungsdevisen verabschiedet wurde. Darin finden sich definierte Verfahren für die Auswahl von Ära-Namen.

 

Der Ablauf zur Auswahl einer Regierungsdevise

Wie wird nun der neue Nengō bestimmt, der ab Januar 2019 die Devise „Heisei“ ersetzen wird?
Prinzipiell handelt es sich dabei um einen vierstufigen Prozess.

  1. Berücksichtigung möglicher Namen
    Der Premierminister setzt einen Ausschuss ein der mehrere Personen umfasst. Jede dieser Personen soll einige Vorschläge für mögliche Nengō einreichen und die Bedeutung und Herkunft dieser erklären können.
  2. Sichtung der vorgeschlagenen Namen
    Das Kabinettbüro sichtet die möglichen Namen und unterbreitet dem Premierminister einen Report dazu.
    Folgende Kriterien müssen erfüllt sein: (1) der Name besteht aus zwei Kanji, (2) ist einfach zu lesen, (3) wurde nicht bereits in früherer Zeit als Nengō verwendet, (4) ist nicht im allgemeinen Sprachgebrauch und (5) richtet sich nach den Idealen der Nation.
  3. Auswahl einer Beschlussvorlage
    Eine gewisse Anzahl an Kabinettsmitgliedern stellt aus den gesichteten Namen eine Beschlussvorlage zusammen welche im Kabinettsplenum diskutiert wird. Dazu werden auch Vertreter beider Parlamentskammern befragt.
  4. Entscheidung
    Das Kabinett verabschiedet eine Verordnung für die neue Regierungsdevise.

Eine interessante Komponente: Im Gegensatz zur Meiji-Verfassung hat der neue Kaiser weder ein Vorschlagsrecht noch Entscheidungsbefugnis bezüglich eines neuen Nengō.

Wie die Zeitung „Mainichi Shinbun“ berichtete, wurde der erste Schritt dieses Prozesses offenbar schon eingeleitet und einige mögliche Namen stehen bereits zur Auswahl.
Japanische Nengō haben oft (aber nicht ausschliesslich) einen Bezug zu berühmten klassischen chinesischen Literaturwerken. So basiert auch „Heisei“ auf Passagen in zwei alten chinesischen Klassikern.
Es ist anzunehmen das auch die neue Regierungsdevise Inspiration aus solchen Werken erfährt. Aus diesem Grund werden im Ausschuss mit Sicherheit auch Experten für altchinesische Philosophie und Gelehrte für klassisches Chinesisch Einsitz nehmen.

Anfang Januar 2019 wissen wir mehr!


* Update vom 01.12.2017: Heute hat Premierminister Abe Shinzō das offizielle Abdankungsdatum von Kaiser Akihito bekanntgegeben. Es ist der 30. April 2019. Am 1. Mai 2019 wird Kronprinz Naruhito den Thron besteigen. 


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