Das Allerschwierigste?

Das Studium von Koryū-bujutsu stellt Schüler wie Lehrer vor ganz spezielle Herausforderungen, welche jedoch für den Beobachter nicht so offensichtlich sind, wie man meinen könnte.
Ein zentrale Frage dabei ist: Was ist denn eigentlich das Allerschwierigste, wenn man ein Mitglied einer klassischen japanischen Ryūha der Kriegskünste ist?

Sind es die Kata?
Nein. Jede Tradition mag eine unterschiedliche Anzahl an Kata aufweisen, welche sich auch in ihrer Länge und ihrem Schweregrad unterscheiden. Manchmal kann es durchaus komplex sein, sich all die Abläufe zu merken, aber regelmässiges, konstantes Training ist hier der Schlüssel zum Erfolg auch wenn die Vielschichtigkeit zunimmt.

 

 

Sind es die Techniken?
Nein. Um die Techniken zu meistern, bedarf es sinnvoller, unterstützender Kuden und Lehrer, welche diese anschaulich erläutern können. Dem erfolgreichen Lernen abträglich sind dabei Aussagen wie „macht man einfach so“, „hat man immer schon so gemacht“, „irgendwann funktionierts einfach“ etc. Damit Schüler möglichst rasch Fortschritte machen (was das Ziel einer Kampfausbildung sein soll), haben sie ein Anrecht auf verständliche Erklärungen, welche ihrem Verständnislevel entsprechen, bzw. leicht darüber hinausgehen um sie entsprechend zu fordern.

 

Ist es die Handhabung echter Waffen (in Schulen, welche dies noch tun)?
Nein. Der Umgang mit Shinken (echten, scharfen Waffen) sollte ja grundsätzlich Sinn und Zweck der Ausbildung sein. Respekt vor der Waffe ist dabei zentral. Aber keineswegs Angst. Klassische japanische Kriegskünste werden üblicherweise von erwachsenen, verantwortungsbewussten Menschen ausgeübt. Diese sollten rasch erkennen können, dass es anderen vor ihnen bereits gelungen ist, diese Waffen zu beherrschen, es also kein Zauberkunststück ist. Oder gar etwas, dass man erst nach 20 Jahren Training mal gnädigst in die Hand nehmen darf. Das sind moderne, künstliche Barrieren, welche aus unterschiedlichen Gründen (meist keine sehr ehrbaren) geschaffen wurden. Erwachsenen, intelligenten Menschen ist es ohne Weiteres zuzumuten, sich der Tragweite ihres Tuns bewusst zu sein, gerade auch wenn es um Waffenhandhabung geht. Alles andere ist nur peinliche Bevormundung.

Ist es das Ausfechten von Shiai (in Schulen, welche dies noch tun)?
Nein. Der möglichst erfolgreiche Einsatz der studierten Techniken, Taktiken und Strategien in einem freien Kampf sollte das Ziel jeder Kampfausbildung sein. Und authentisches Koryū-bujutsu IST Kampfausbildung. Hier sollte man sich wirklich nichts anderes einreden lassen.
Es braucht Überwindung, manchmal sogar übermenschlich grosse Überwindung, sich auf bewaffnetes Kämpfen einzulassen. Am Anfang ist es nicht unüblich, dass Schüler geradezu „einfrieren“, denn die Angst vor Schmerzen aber auch Gesichtsverlust stellt zu Beginn eine fast unüberwindbare Mauer dar. Aber verantwortungsvolle Schulen und Lehrer, welche ihre Schüler vorallem voranbringen und fordern wollen, führen diese in logischen Schritten an den Freikampf heran. Dies sollte in der Pädagogik der jeweiligen Schule verankert sein.

 

Nun habe ich vier zentralen Punkte genannt, welche Koryū-bujutsu definieren, aber keinen davon erachte ich als ausgesprochen knifflig oder übermässig kompliziert. Was ist es denn eigentlich?

Koryū-bujutsu ist eingebettet in die japanische Kultur, soviel dürfte klar sein. Hier mag man einwerfen, dass dies auch für die modernen Kampfkünste gilt, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden.
Das stimmt… mit einem wichtigen Vorbehalt: Diese Gendai-Budō in ihrer Gänze verlangen von ihren Schülern keine vertieften Kenntnisse oder Anwendung kultureller Traditionen (nein, auf allfällige Ausnahmen gehe ich hier nicht ein).
Dies stellt sich bei den Schulen des Koryū-bujutsu ganz anders dar, auch wenn es hier ebenfalls bereits zu gewissen Verfallserscheinungen kommt.

Wo sich bei vielen Gendai-Budō das Kulturelle darin erschöpft, sich zu verbeugen und auf japanisch bis Zehn zu zählen, sind Koryū aufgrund ihrer Geschichte und spezifischen Herkunft (zeitlich sowie geografisch) durchdrungen von minutiösen Regeln und Normen, die als integraler Bestandteil einer Schule gelten.

In der Tat haben Mitglieder, welche längere Zeit selbst in Japan gelebt, studiert und gearbeitet haben, hier einen gewissen Vorteil. Jedoch nicht uneingeschränkt: Es gibt genug, welche die kulturellen und gesellschaftlichen Normen Japans eigentlich kennen, diese jedoch rigoros verteufeln. Warum solche Menschen trotzdem meinen, in einer klassischen Schule gut aufgehoben zu sein, war mir schon immer ein Rätsel.
Und Schüler, welche Japan noch nie besuchten oder nur mal kurz auf einer Urlaubsreise kennengelernt haben, können sich mit der Zeit sehr wohl auf diese Traditionen einlassen und sie auch bis zu einem gewissen Grad selbst anwenden. Vorausgesetzt, der jeweilige Lehrer kann dies überzeugend, sachgerecht und basierend auf eigenem Erleben vermitteln.

Ein weiterer Punkt, der für Schüler oft ein grosses Dilemma darstellt, ist der Vorrang der Schule vor eigenen, persönlichen Befindlichkeiten. Das Hintanstellen eigener Bedürfnisse im Zeitalter des Individualismus ist hart und für einige durchaus auch ein Grund, sich von Koryū-bujutsu abzuwenden.

Zusammenfassend gilt auch für Koryū-bujutsu Ryūha: Allen Menschen recht getan, ist ein Kunst, die niemand kann.