Bakumatsu Portraits: Ninomiya Sontoku (1787 – 1856)

Ninomiya Sontoku (1787 – 1856)
Landwirtschaft bzw. der Bauernstand hatte im traditionellen japanischen Gesellschaftsgefüge der Edo-Periode (Shinōkōshō) formal eine fast verklärte Stellung inne, in Wirklichkeit aber war es der Stand, der wohl den grössten Leidensdruck hatte. Ein prominenter Anwalt und Fürsprecher des Bauernstandes im 19. Jahrhundert war Ninomiya Sontoku, der mit grossem Reformeifer sogar den Shōgun Tokugawa Ieyoshi beeindruckte.

Ende des 18. Jahrhunderts in den japanischen Bauernstand geboren zu werden war ein hartes Schicksal. Die grosse Tenmei-Hungersnot war noch in vollem Gange und gilt als die tödlichste im frühneuzeitlichen Japan. Eine unberechenbare Kombination aus schlechter Wetterlage, zwei massiven Vulkanausbrüchen mit dazugehörigem Aschefall und deaströser Wirtschaftspolitik liess die Hungersnot über sechs Jahre andauern.

Geboren wurde Kinjirō (so sein Name während der Kindheit) im siebten Jahr der Ära Tenmei, am 23. Tag des siebten Monats, laut westlichem Kalender also am 4. September 1787. Sein Geburtsort war das Dorf Kayama im Ashigarakami-Bezirk der Provinz Sagami (der heutigen Präfektur Kanagawa). Der bescheidene Besitz seiner Familie ging während einer Flutkatastrophe 1791 verloren.

Im Alter von 12 Jahren wurde Kinjirō zur Fronarbeit an einem Flussdamm eingezogen, da sein Vater aufgrund einer Erblindung nicht mehr zur Verfügung stand. Zwei Jahre später verstarb der Vater. Mit sechszehn verlor er auch noch seine Mutter und wurde mit seinen jüngeren Geschwistern im Haushalt seines Onkels platziert.

Während dem Tage arbeitete er auf dem Land seines Onkels um dann am Abend für sich selbst zu lernen. Dies missfiel dem Onkel allerdings, denn dieser sah es vorallem als Verschwendung des Öls an, welches Kinjirō für die Beleuchtung nutzte.
Die Legende will es, dass Kinjirō daraufhin selbst Raps anbaute um dadurch Rapsöl für seine Lampe zu gewinnen.

Im Alter von 20 Jahren war es ihm möglich, sein Geburtshaus wieder aufzubauen und weiteres brachliegendes Land zu erwerben um es anschliessend urbar zu machen. Durch kluge Landkultivierung brachte er sein Anwesen in relativ kurzer Zeit zu Wohlstand, was auch den Verwaltungsbeamten des Distrikts nicht verborgen blieb.
Ninomiya wurde beauftragt, einen kleinen Bezirk, der in grosse finanzielle Schwierigkeiten geraten war, zu „managen“. Durch Agrarentwicklung brachte er die lokale Wirtschaft wieder in Schwung und konnte so die finanziellen Rahmenbedingungen des Bezirks erheblich verbessern.

1822 wurde Ninomiya vom siebten Daimyō des Odawara-han, Ōkubo Tadazane, mit der Reform des Han beauftragt, welches unter stagnierenden Finanzen litt.
Zu dieser Zeit war Ōkubo bereits seit vier Jahren Mitglied des Ältestenrats (Rōjū) von Shōgun Tokugawa Ienari und somit Inhaber eines der höchsten Verwaltungsämter innerhalb der Bakufu-Regierung.

Ninomiya schaffte es, durch Steuerreformen und intelligente Entwicklungen im Agrarsektor das Odawara-han wieder zu stabilisieren. Auch für andere Han war er in ähnlichen Funktionen tätig.

Ab 1843 stand Ninomiya dann in den direkten Diensten des Shogunats und es ist anzunehmen, dass er vielfältige Aufgaben bei den grossen Tenpō-Reformen ausführte, welche im Jahr zuvor angestossen wurden.
Zum Beispiel wurde er beauftragt, Landreformen rund um Nikkō auszuführen, was er erfolgreich vollendete.
Nikkō liegt in den bewaldeten Bergen der Präfektur Tochigi (die frühere Provinz Shimotsuke) und ist berühmt für das dortige Tokugawa-Mausoleum.

Nikkō ist auch der Ort, wo Ninomiya 1856 im Alter von siebzig Jahren verstarb.


Einfluss und Vermächtnis

Wer sich längere Zeit in Japan aufgehalten hat, hat sicher schon eine Statue von Ninomiya gesehen… auch wenn einem das vielleicht gar nicht bewusst war! 
Vor vielen japanischen Grundschulen stehen diese Statuen, welche Ninomiya als Knaben zeigen, der ein schweres Holzbündel auf dem Rücken trägt und dabei in einem Buch liest. Seit der Meiji-Zeit findet eine grosse Verehrung für ihn und sein tugendhaftes Leben statt und ihm sind auch zahlreiche Shintō-Schreine gewidmet.

Einer seiner grössten und nachhaltigsten Verdienste als Agrarreformer und Sozialökonom war die Schaffung von sogenannten Gojōkō, Finanzinstitute auf Genossenschaftsbasis, um das Jahr 1820.
Diese funktionierten praktisch nach demselben Prinzip wie die Kreditvereine, welche ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Deutschland aufgebaut wurden.
Diese Gojōkō ermöglichten den Bauern eine einfachere Teilhabe am wirtschaftlichen Leben wie auch den Erwerb und Einsatz technischer Innovationen in der Landwirtschaft.
Ausserdem betonte er die Wichtigkeit und die Funktion des Zinseszins.

Ninomiya entwickelte eine eigene Lebens- und Arbeitsphilosophie, auch wenn er selbst keine Schriften diesbezüglich hinterliess.
Drei seiner Schüler fassten nach seinem Tod die Lehren zusammen und veröffentlichten diese auch.

Ninomiya nutzte die drei traditionellen Lehrströmungen des Buddhismus, Shintoismus und Konfuzianismus und transformierte diese zu zweckmässigen ethischen Prinzipien, welche auf seinen eigenen Erfahrungen beruhten.
Landwirtschaft galt für ihn als die höchste Form der Menschlichkeit, schliesslich handelt es sich dabei um die Kultivierung von Rohstoffen, welche der Mensch durch die Kami erhält. Dabei forderte er sowohl von den Bauern wie auch den Lehnsherren die klassischen Tugenden Ehrlichkeit, Fleiss und Sparsamkeit ein.

Seine Schüler sollen Ninomiya einmal nach seinen religiösen Überzeugungen gefragt haben. Seine Antwort: „Meine Religion besteht aus einem Löffel Shintoismus und je einem halben Löffel Buddhismus und Konfuzianismus“.

Es existieren etliche Anekdoten über Ninomiya und seine Arbeitsweisen, z.B.:

  •  Während seines Einsatzes für das Odawara-han verfügte er die Standardisierung gewisser Gefässe, um so Betrug und Vorteilnahme von Funktionären und Beamten vorzubeugen.
  • In einem anderen Han setzte er durch, dass gerodete und neu urbar gemachte Felder für eine gewisse Zeit eine geringere Steuerbelastung gegenüber länger bestehenden Feldern erfuhren. So konnte die Kultivierung neuer Äcker gefördert werden.

Das Porträt zu Beginn des Artikels ist durchaus bemerkenswert, zeigt es Ninomiya doch mit einem Daishō, dem äusseren Attribut eines Bushi.
Das Bild stammt von Okamoto Shûki (1807 – 1862), einem der führenden Maler der ausgehenden Edo-Periode. Datiert ist es mit „Sommer, 13. Jahr der Tenpō-Ära“, also 1842. Zu dieser Zeit war Ninomiya bereits Mitte 50 und eine hoch angesehene Persönlichkeit.

Ein Porträt Ninomiyas hat es auch auf eine japanische Banknote geschafft: die 1-Yen Note, welche zwischen 1946 und 1958 herausgegeben wurde.

Die Kombination aus Grundstückserschliessung, Agrarreformen und genossenschaftlichen Finanzstrukturen wurden zu einem Standard der wirtschaftlichen Entwicklung im Japan des 19. Jahrhunderts und etliche Provinzen profitierten davon. Natürlich muss man dies auch im gesamtpolitischen Zusammenhang der Zeit sehen. In einem stabilen politischen Umfeld wären den Ideen und Denkansätzen von Ninomiya noch weit grössere Erfolge beschert gewesen.


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