Cross-Training in Koryū Bujutsu Ryūha

Ein spannendes Thema, welchem meist nicht grosse Beachtung geschenkt wird: „Cross-Training“ unterschiedlicher klassischer Schulen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine kurze Erklärung vorab: Dieser Artikel befasst sich nicht mit dem Phänomen, als Einzelperson gleichzeitig Mitglied in mehreren Ryūha zu sein und in diesen zu trainieren. Dazu wurde schon einiges geschrieben, meist von Leuten, die selbiges praktizieren.

Hier soll es darum gehen, ob, wie und unter welchen Umständen verschiedene Schulen bzw. deren Vertreter zusammen trainieren.

Es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass jede Ryūha ein in sich geschlossenes System ist mit sehr spezifischen Prinzipien, Regularien und oftmals konträren Philosophien. All das macht es sicher nicht einfach (manche mögen sagen unmöglich) gehaltvolles Cross-Training zu praktizieren. Deshalb steckt diese Thematik natürlich voller Tücken…

 

Der historische Hintergrund

Historisch gesehen war diese Praxis verbreitet, auch wenn es sicher nie Standard war.
Auch wird man das hauptsächlich auf die Zeit rund um die Bakumatsu-Ära beschränken können, also angefangen mit etwa den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn der Meiji-Epoche.
Damals wurde das zunehmend als starr empfundene Kata-Geiko ergänzt durch verschiedene Arten von eher freien Trainingsinhalten wie z.B. Gekiken. Politische Umwälzungen in dieser Zeit brachten es zudem mit sich, dass die einst strikten Reiseregelungen zwischen den verschiedenen Provinzen gelockert oder nicht mehr mit aller Härte durchgesetzt wurden. All das machte es einfacher, andere Ryūha oder Dōjō zu besuchen.
Man sollte auch nicht ausser Acht lassen, dass die Relevanz von Waffen- und Kampftraining in dieser gewalttätigen Wendezeit wieder massiv zunahm.

Fremde Dōjō und Schulen wurden also nicht nur für offizielle Duelle besucht, sondern auch für das Training.

Natürlich waren das nicht x-beliebige Leute, sondern meist Kenshi, welche bereits über grosse Erfahrung verfügten und neue Lehrinhalte entsprechend einordnen und auch umsetzen konnten.

Eine etwas andere Form bzw. „Weiterentwicklung“ bildeten sogenannte Gekikenkai, wo sich Kämpfer verschiedener Schulen trafen um Shiai zu bestreiten. Die Popularität dieser nahm allerdings hauptsächlich nach der Meiji-Restauration zu. Über diese Besonderheit habe ich hier ausführlicher berichtet.
Zudem gab es noch bekannte Han-Schulen wie z.B. das Kōdōkan in Mito oder das Meirinkan in Chōshū wo auch verschiedene Bujutsu-Lehrer unterschiedliche Lehrinhalte (basierend natürlich auf ihren eigenen Ryūha) vermittelten. D.h. auch da wurden die Schüler ganz heterogenen Ideen von Kampfkunst ausgesetzt.

Man kann davon ausgehen, dass die Leute, denen es ermöglicht wurde, solche Cross-Trainings bei Ryūha oder Dōjō zu absolvieren verschiedene Ziele verfolgten: Zum einen das eigene Können in Shiai zu testen ohne gleich eine offizielle Duellforderung zu stellen. Zum anderen konnten sicher auch einzelne, bekannte Techniken verschiedener Schulen erlernt werden.

Jetzt wäre es ein Leichtes, diese historischen Begebenheiten einfach aufzunehmen und frisch und fröhlich mit anderen Schulen zusammen zu trainieren. So simpel ist es aber nicht.

 

Heutige Situation

Authentische Koryū sind auch heute noch darauf bedacht, gerade ihre höheren Lehrinhalte zu schützen. Das heisst, die ganze Angelegenheit ist (wie früher auch) ein Gratwanderung.

Selbstverständlich gibt es heute Cross-Training, aber das ist oft eingebunden in den Kontext einer Schulfreundschaft, wo man die Leute gut kennt. Solche Schulfreundschaften können z.B. historisch bedingt sein (wie im Falle der Hokushin Ittô-Ryû Hyôhô und der Tenjin Shin’yô-Ryû) oder aber auf persönlichen Freundschaften der Oberhäupter basieren.

Um einen geregelten Ablauf und auch eine gewisse Privatsphäre zu garantieren ist es daher nicht sinnvoll, dass sich da dutzende Leute aus x-verschiedenen Schulen treffen und drauflos trainieren… Üblich ist, dass fortgeschrittene Kenshi einer Ryūha eine andere besuchen und dort (z.B. teilweise) am Training teilnehmen können. Eine gewisse „Leitkultur“ innerhalb dieses Rahmens ist also notwendig.

Aber einem Anfänger bzw. frischen Mitglied einer Schule ist davon abzuraten immer wieder Cross-Training mit anderen Ryūha zu betreiben, solange kein fortgeschrittenes Stadium der eigenen Schule erreicht ist.

Daneben müssen bei Koryū viele Gepflogenheiten beachtet werden und eine „anything goes“-Haltung ist meist nicht erwünscht.

Gerade wenn z.B. ein Sōke oder Shihanke einer Lehrlinie grundsätzlich keinen solchen Austausch auf Trainingsbasis mit anderen Schulen will, ist das zu respektieren. Die Schüler eines solchen Oberhaupts sind in ihrem eigenen Interesse gut beraten, sich nicht über so eine Regelung hinwegzusetzen.

Beispiele kenne ich selbstverständlich hautpsächlich aus meinem Umfeld, sprich wie es die Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō damit hält: Die erwähnte Tenjin Shin’yō-Ryū als Jujutsu-Schule ist da ein schönes Beispiel oder eine andere berühmte Bakumatsu-Ryūha wie die Tennen Rishin-Ryū. Aber auch mit anderen Traditionen gibt es einen Austausch, wie das vor kurzem der Fall war beim vergangenen Neujahrs-Gasshuku Anfang Januar im Hombu-Dōjō unserer Schule. Vertreter der Hyōhō Taisha-Ryū nahmen während dem regulären Training teil und waren später dann auch Teil des geplanten Enbu.

Es ist also durchaus möglich, Einblicke in andere Traditionen erhalten zu können ohne dass man gleich Mitglied werden muss. Mit einer gewissen Zurückhaltung, gepaart mit Neugierde, steht so einem Erlebnis eigentlich nichts im Weg.


2 Gedanken zu “Cross-Training in Koryū Bujutsu Ryūha

  1. Klasse Artikel. Danke für die Mühe. Durch das Cross-Training sollte vermutlich auch gezeigt werden, wer besser ist und wer nicht. Nur mal eine Vermutung 😉

  2. Hallo Silv

    Vielen Dank!
    Eigentlich war (und ist) es ein Tool, in einem relativ geschützten Rahmen Neues zu sehen. Trotz allem ist es aber, wie erwähnt, immer eine Gratwanderung.
    Man sollte behutsam umgehen mit Zuschreibungen wie „wer besser ist und wer nicht“. Selbst beim Shiai-geiko im Gekiken ist das eigentlich nicht das Hauptziel.

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